Anders kämpfen lernen!

Dieser Beitrag entstand eine Woche vor dem erschütternden Anschlag beim CSD Berlin. Doch das Ereignis ändert leider gar nichts. Die politische Reaktion bzw. mittlerweile wochenlange Nicht-Reaktion unterstreicht vielmehr lediglich die Beobachtungen.

Mitte Juli bereits hat uns ein Hilferuf von Lambda erreicht. Während schon die angekündigten Einschnitte beim Programm „Demokratie Leben“ die Organisation bedrohen, hat Bundesfamilienministern Ministerin Karin Prien überraschend nun auch noch den Rahmenvertrag mit Lambda gekündigt. Damit droht die Finanzierung dieser wichtigen Einrichtung für queere Jugendliche zu kollabieren. Der Grund: unbekannt!

Die Sachberichte wurden immer anerkannt und die Arbeit wurde allgemein gelobt und erhielt fachliche Wertschätzung.

Ein solches Vorgehen ist kaum noch anders zu erklären, als mit einem bewussten Angriff auf die Arbeit von LSBTIQ* Organisationen, um uns zu schwächen und mit dem Überlebenskampf zu beschäftigen.

Wenn die gleiche Ministerin nun davon redet, mehr Geld für Deradikalisierungsprogramme zur Verfügung stellen zu wollen, dann wird es zur Farce. Erst bei etablierten und funktionierenden Organisationen sparen, um dann in einem Attentats-Aktionismus das Thema Radikalisierung losgelöst vom Bestehenden anzugehen.

Was ist los in dieser CDU? Was ist los im Land?

Noch vor wenigen Jahren rief man uns entgegen, dass wir doch alles haben. Was wollt ihr denn noch, so wurden wir gefragt. Wir hatten rechtlich wirklich viel erreicht. Auf dem Weg zur Akzeptanz als gleichberechtigte Menschen hat unsere Community viele rechtliche Verbesserungen erkämpft. Doch eines war uns immer klar: in den Köpfen, hinter der Stirn vieler Menschen, da sind weiterhin die Ressentiments gegen uns verankert. Immerhin sind vor allem Homosexuelle seit mehr als 2000 Jahren ein Feindbild abrahamitischer Glaubensgemeinschaften gewesen. Fast schon Ironie der Geschichte, dass an unserer Seite nun vermehrt die evangelische und sogar Teile der deutschen katholischen Kirche stehen. Während jedoch Politik und Bürgertum ihre Vorurteile pflegen.

Dafür, das Friedrich Merz mit unserer Community, mit uns als Menschen seine Probleme hat, gibt es eine lange Indizienkette. Auf die Frage nach einem schwulen Kanzler sagt er 2020:

„Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“ (BILD Polittalk)

Oder seine Aussagen zur Beflaggung des Reichstages 2025:

„Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt, auf das man beliebig Fahnen hissen könnte.“ (ARD, Maischberger)

Die Indizien reichen bis ins Jahr 2001, wo er nach dem Outing von Klaus Wowereit sagte:

„Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal.“ 

 

Das religiöse Extremisten, wie nun in Berlin, uns Tot sehen wollen, ist uns bekannt. Doch es sind diese Sichtweisen im konservativen politischen Spektrum, die unsere Sicherheit nachhaltiger und langfristiger bedrohen. Es sind Sichtweisen, bei denen die handelnden Personen überzeugt sind, für die Mehrheit zu sprechen.

 

Doch halt. Ist das wirklich so?

Eine Umfrage von IPSOS aus dem Jahr 2024 kam zu dem Ergebnis, dass 73% der Deutschen der Meinung sind, dass lesbische, schwule und bisexuelle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden müssen. Bei trans* und intergeschlechtlichen Menschen teilen 70% diese Meinung.

Gleichzeitig steigt seit einigen Jahren massiv die Gewalt gegen uns. Zuerst im Netz, dann auf der Straße und nun in Verordnungen und Förderprogrammen. Man muss uns gar nicht die Ehe wegnehmen. Es reicht, die Finanzierung unserer oft prekären Beratungs- und Empowermentangebote zu kappen.

Was ist also los?

Es ist kein Geheimnis, dass Angriffe auf queere Menschen eine beliebte Strategie faschistischer, also rechtsextremer Gruppen sind. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein globales Netzwerk aus weissen Rechtsextremen, libertären Techmilliardären und evangelikalen Gruppierungen gebildet. (Quelle: Atlas Netzwerk, Wikipedia und atlasnetwork.org) Sehr finanzstark und mit dem klaren Ziel, die Welt nach ihrem Sinne umzugestalten. Das sind einerseits die Vorherrschaft weisser Heteromänner zu festigen, Demokratie und vor allem Steuern und Arbeitnehmer:innenrechte abzubauen und religiöse Überzeugungen zur Rolle von Frau und Familie durchzusetzen. Das Playbook der Heritage Foundation ist nur ein Zeugnis davon. (Quelle: Seite 33, Mandate for Leadership, The Conservative Project)

Diese Gruppierungen verfügen vor allem über zwei Dinge: Geld und Medien. Die traditionellen Medien sind überrollt worden von den sozialen Netzwerken. Falschmeldungen sind an der Tagesordnung. Meinungen und Behauptungen haben Recherche und Fakten abgelöst.

Eine millionenfache Bot-Armee suggeriert im digitalen Raum andere Mehrheitsverhältnisse, als sie in der Realität vorherrschen. (Quelle: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/kultur-und-gesellschaft/desinformation-2238984) Die überwältigen Mehrheit der Menschen möchte nämlich Gleichberechtigung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Armut und soziale Ungleichheit führt in einer aktuellen IPSOS Umfrage (03.07.2026) eben noch vor Einwanderung. Dazu kommen Inflation und die Versorgung im Gesundheitswesen.

Mit ihrer Finanz- und Aufmerksamkeitsmacht haben Rechtsextreme es geschafft, den öffentlichen Diskurs so weit zu beeinflussen, dass die konservative Politik bereits ihre Positionen übernimmt. Ebenso wie sich Qualitätsmedien selbst zensieren oder rechten Positionen mehr Bühne bieten. Man kann auch sagen, die Rechtsextremen handeln nach dem Grundsatz „Fake it, till you make it.“

Denn bereits die 30er Jahre haben gezeigt: Die Nazi brauchten keine Mehrheiten. Die Nazis braucht zuerst einmal nur die Macht. Die Mehrheit kam erst danach. Durch ein Heer von Opportunisten.

Was also tun?

Seit den späten 60er Jahren haben wir einen Kampf geführt, der auf dem Boden der Demokratie geführt wurde. Wir haben mit Sichtbarkeit Sicherheit geschaffen. Wir haben Vorurteile abgebaut. Mit Erfolg! Ich erinnere an die oben zitierte Studie.

Infolgedessen haben sich die Rechtssprechung und die Gesetzgebung verändert. Unser Kampf war so erfolgreich, dass wir sogar in den großen christlichen Glaubensgemeinschaften Fürsprecher:innen gewonnen und ein Umdenken bewirkt haben.

Womit wir es nun zu tun haben, ist jedoch etwas anderes.

Wir führen einen Kampf mit einem Gegner, der den Dialog ablehnt. Wir stehen einem Gegner gegenüber, der uns als taktisches Element ansieht. Ein Gegner, der nach Macht strebt und dafür bereit ist, Lügen und Manipulation einzusetzen. Dabei haben sich die Mechanismen der öffentliche Meinungsbildung und damit auch die der Gesetzgebung verändert. Das kannten wir bisher nur von religiösen Extremisten. Nun sind es auch politische Ideologen, die den Diskurs bestimmen.

Wenn wir dem etwas entgegensetzen wollen, dann entweder, in dem wir auch milliardenschwere queere linke Think Tanks aufbauen, indem wir TikTok- und Twitter-Strategien entwickeln und mit Millionen von Bots dagegen halten.

Oder eben eine ganz andere Taktik nutzen.

Das erste scheint eher utopisch. Daher schlage ich vor, über einen anderen Weg nachzudenken: Graswurzeltaktik!

Raus und ran!

Raus aus unseren Blasen, raus aus unseren Communitys! Aktives zugehen auf die Zivilgesellschaft.

Ran an die Menschen. In die persönlichen Kontakte. Zuhören, Reden, verstehen wollen.

Persönliche Kontakte helfen zuallererst, um Vorurteile abzubauen. Vorurteile gegenüber Migrant:innen und queeren Menschen sind dort am größten, wo es kaum welche von Ihnen gibt bzw. sie sich kaum offen zeigen. So haben in Sachsen-Anhalt weniger als 10% der Bevölkerung migrantische Wurzeln.

Was können wir als CSDs tun?

Zuhören, reden und überzeugen.

Der CSD ist weiterhin die wichtige und zentrale Aktivität. Hier schaffen wir Öffentlichkeit. Doch wie wir diese gestalten, könnten wir neu denken.

Wir könnten die Bühnen für Allianzen öffnen und dort ein gemeinsames Thema besprechen. Nämlich den Angriff auf Menschenrechte und Freiheit.

Wir könnten Begegnungsräume schaffen, die den direkten Austausch, angeleitet und geführt, zwischen queeren Menschen und der Zivilgesellschaft ermöglicht.

Wir könnten im Rahmenprogramm Begegnungen fördern, wie z.B. lebendige Bibliotheken.

Doch auch unsere CSDs müssen sich wieder stärker politisieren. Vielleicht haben wir zulange jeder Politik die Bühne geboten. Der CSD Berlin hat seinen regierenden Bürgermeister 2025 ausgeladen, da dieser seinen Worten keine Taten folgen ließ. Das sorgte für einen Aufschrei, doch es hinterließ eben auch politischen Eindruck.

Vielleicht sind wir zu freundlich und entgegenkommend geworden. Zu wenig antrengend. Den Wutbürgern hört die CDU ja viel mehr zu, als uns.

Wir müssen lernen, wie die neuen Mechanismen der Meinungsbildung funktionieren. Welche Macht neben Worten auch die Bilder haben, die wir erzeugen.

Doch unter Umständen müssten wir auch abseits der Demonstration denken.

Abseits unserer zentralen CSDs könnte das bedeuten, ganzjährig aktiv zu sein. Bei Nachbarschaftsfesten, bei Antirassismusbündnissen, bei Sportfesten und Tagen der offenen Tür. Es bedeutet, verstärkt das Gespräch zu suchen und die Gesprächsmechanismen zu verstehen. Mehr Fragen, statt direktem Fordern. Beziehung schaffen und Lebensrealitäten teilen.

Was kannst du als queerer Mensch oder Ally tun?

Suche und führe Gespräche. Höre zu, versuche zu verstehen und langsam zu überzeugen. In der Familie, in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis.

Gehe auf deine Abgeordneten zu. Ob in Kommune, Land oder Bund. Bringe ihnen deine Perspektive nahe. Vielleicht fehlt genau dies? Denn die rechte Lobby ist meisterhaft darin.

Nichtsdestotrotz gilt es, auch im digitalen Raum dagegenzuhalten. Doch der analoge Raum wird wichtig sein und bleiben. Im analogen Raum lassen sich Gespräche besser führen. Zuhören funktioniert digital schlecht.

Die Anfänge der CSD-Bewegung in Deutschland kamen aus dem universitären Bereich. Teils trug dies einen elitären Charakter in die Bewegung rein, der hier und da heute noch spürbar ist. Doch ein anderer Aspekt war damals mit dabei, der vielfach verloren gegangen ist: die ersten CSDs stellten auch den Kapitalismus in Frage. Sie stellten bereits die Frage, welchen Einfluss die Umstände auf unsere Lage haben.

Hier könnte ein Schlüssel liegen. Denn der Kapitalismus in seiner heutigen Form ist entgrenzt und entfesselt. Und das trägt zur tiefen Verunsicherung der Gesellschaft bei. Einer Gesellschaft in Angst kann man jedoch auch leicht Schuldige präsentieren: Trans*geschlechtliche Menschen, Queers, Migrant:innen und Frauen!

Vielleicht braucht es eine wesentlich übergreifendere Sicht. Ein Schulterschluss mit Gruppen, die ähnliches erleben: einen Angriff auf ihre Rechte und ihr Recht zu sein, wer sie sind. Reichen wir dem Feminismus die Hand und den sozialen Bewegungen.

Auch in diesem Jahr gingen und gehen wir in mehr als 200 Orten in Deutschland auf die Straße. Das ist gut. Das ist wichtig!

Doch wenn unsere Gegner ihre Strategie ändern, sollten auch wir darüber nachdenken, was wir anders machen müssen.

Das ist anstrengend. Ja.

Das ist zeitraubend. Ja.

Das ist emotional ermüdend. Ja.

Fangen wir an, umzudenken.

Denn die Alternative ist lebensgefährlich.

Die queere Community in Ungarn hat 16 Jahre Herrschaft und Quasi-Faschismus von Viktor Orbán stand gehalten. Jedoch auch, weil sie die EU und ihre europäischen Freund:innen an ihrer Seite wusste. Ob das so bleibt, wissen wir nicht.

Also heisst es, Ärmel hochkrempeln, Krone richten und den Kampf aufnehmen!

Zusammen, gemeinsam, als eine Community.

Der Pride Month 2026 ist vorbei. Doch unser Kampf hat erst wieder neu begonnen.

Stonewall was a riot – not a party!