Auf die Straße! Sichtbar mit Stolz und Würde!
Du kannst nur Du sein, wenn du dich auch zeigen kannst!
Als in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 in der Christopher Street in New York zum wiederholten Male eine willkürliche Polizeirazzia gegen queere Menschen stattfinden sollte, war für diese eine Grenze erreicht. Die sich bereits seit einiger Zeit aufbauende Spannung entlud sich in tagelangen Unruhen. Auch, wenn es bereits Bestrebungen nach mehr Gleichberechtigung gab – diese Ereignisse rund um die Bar Stonewall wurden zur Geburtsstunde unserer Bewegung.
Denn ein neues Element trat zu dem bisherigen Kampf: Stolz!
Lesben, Trans*, Schwule, Bisexuelle und eben queere Menschen aller Hautfarben entdeckten ihren Selbstwert. Sie wollten keine Almosen, kein Tolerieren durch eine weisse Oberschicht. Damals fand unsere Bewegung zu sich selbst. Daher gab sie sich auch diesen Namen: PRIDE.
Wir erkannten: Wir sind vor allem Menschen! Wie alle Anderen auch. Da gibt es nichts zu verstecken oder kleinzumachen. Wir sind, wer wir sind. Die australische Botschafterin in Deutschand, Natascha Smith, zitierte zum IDAHOBIT einen wunderbar zu unserer Bewegung und diesem Stolz passenden Satz von Marian Wright Edelmann:
You can’t be, what you can’t see.
Der Pride Month symbolisiert seit 1969 diesen Anspruch. Wir sind da und wir sind, weil wir sichtbar sind. Diese Sichtbarkeit wurde und wird uns ja vehement abgesprochen. Diese Sichtbarkeit wird angegriffen. Für einige sogenannte Journalisten sind wir zu laut. Für blaubraune Politiker zu präsent und zu öffentlich. Wie oft haben queere Menschen diesen Satz gehört: Ich habe ja nichts gegen euch, doch müsst ihr das immer überall so offen zeigen?
JA! Du kannst nur Du sein, wenn du dich auch zeigen kannst!
Heute sind die Bestrebungen, uns unsichtbar zu machen, wieder stark auf dem Vormarsch. Zumindest sind sie sehr laut. Die unerträglichen Diskussionen rund um das Selbstbestimmungsgesetz haben es deutlich gezeigt. Trans* soll es doch bitte gar nicht geben. Können die Betroffenen nicht bitte leise und versteckt leiden? Was ich nicht sehe, existiert nämlich auch nicht.
NEIN! You can’t be, what you can’t see!
Sichtbarkeit ist ein wertvolles Gut. Sichtbarkeit bedeutet, dass ich Anhaltspunkte finde, um mich zu finden. Das ich mein Inneres, mein Erleben überprüfen kann mit etwas, das ich da draussen in der Welt sehe. Wenn ich als queerer Mensch aufwachse, dann ist es immer noch so, dass ich vor allem heteronormatives Verhalten zu sehen bekomme. Trotz aller Lügen, die von Rechtsaussen verbreitet werden. Jeder queere Mensch in Filmen, Shows, der Öffentlichkeit, meiner Umgebung ist ein kleiner Anhaltspunkt dafür, dass ich eben auch richtig bin, wie ich bin.
Sichtbarkeit schafft Sicherheit. Darüber, dass ich eben genauso normal und wertvoll bin, wie Andere. Sichtbarkeit schafft Normalität. Was ist Normalität anderes, als das, was wir häufig sehen. Normalität ist Alltäglichkeit. Nicht mehr und nicht weniger.
Tauchen queere Menschen unter und werden sie verdrängt, versteckt und ausgegrenzt, dann nennen wir sie nur deshalb unnormal, weil sie aus dem Alltäglichen verschwunden sind. Wer hier Parallelen zu Frauen erkennt, zu berufstägigen Frauen, Frauen in Führung, Frauen in jeder Form von Verantwortung: dabei handelt es sich um System statt Zufall.
Daher ist es auch so wichtig, dass wir uns die Hände reichen. Die Frauenbewegung, die Anti-Rassismus-Bewegung, die Pride-Bewegung und viele mehr.
Du kannst nur Du sein, wenn du dich auch zeigen kannst!
Diese Alltäglichkeit gilt es zu behaupten. Einmal im Jahr nehmen wir uns dafür ganz bewusst den öffentlichen Raum. Wir gehen auf die Straße. Wir zeigen uns in all unserer menschlichen Vielfalt.
Der Oberbegriff für Bisexuelle, Trans*, Lesben, Schwule, Inter* und all die Andere lautet: Mensch.
Mittlerweile gehen wir an mehr als 240 Orten in Deutschland auf die Straße. Diese Alltäglichkeit wird von Rechts und Rechtsaussen massiv bekämpft. Mit purer Gewalt. Denn gegen Menschenrechte gibt es kein Argument.
Der CSD ist dabei nicht mehr und nicht weniger, als das gelebte Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es in Artikel 1. Die Würde des Menschen – das bedeutet gesehen werden zu können. Das bedeutet, sich zeigen zu dürfen wie Mensch ist und das ohne Angst.
Artikel 3 GG soll dazu noch jeden Menschen vor Diskriminierung schützen. Auch uns. Doch so richtig inklusiv ist dieses Grundgesetz noch nicht formuliert. Denn queere Menschen fehlen in der expliziten Aufzählung des Artikels. Dieser Missstand muss behoben werden!
Demokratie bedeutet Vielfalt – der CSD bedeutet Demokratie
Demokratie bedeutet genau das. Unsere deutsche freiheitliche Demokratie basiert auf der Überzeugung, dass jeder Menschen von Geburt an eine unantastbare Würde hat. Weder gilt es, diese zu beweisen, noch sie irgendwie erst zu erringen. Laut sind wieder die Stimmen, die das bekämpfen und abschaffen wollen. Die Stimmen, die Menschen einteilen wollen, bewerten und normieren. Wobei die Norm von ihnen festgelegt wird.
Wenn wir auf die Straße gehen und uns zeigen, mit Stolz und Würde, dann kämpfen wir auch für die Demokratie. Dann wenden wir uns gegen diese Angriffe.
Mit dem Aufstand in New Yorks Christopher Street haben wir unseren Stolz gefunden. Wir haben erkannt, dass wir alle gleichberechtigte Menschen sind. Doch wir reichen allen Menschen damit auch die Hand. Wir laden sie ein, sich anzuschließen. Ihren eigenen Stolz auf sich zu finden und sich ihren Wert bewusst zu machen. Geht mit uns auf die Straße!
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sorgen wir dafür, dass es so bleibt!
Happy Pride