Wir schreiben das Jahr 2022. 

Das dritte Jahr mit der Pandemie, die unseren Aktivismus und unser Wirken als CSD’s herausfordert. 
Und im Jahr 1 der neuen Regierungskoalition in Berlin. Die selbsternannte Zukunftskoalition verspricht nicht weniger, als eine Zeitenwende. Tatsächlich scheint für LGBTIQ+ so etwas anzustehen.

Erstmals hat eine Bundesregierung einen Beauftragten für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt bestellt. 
Dazu gratulieren wir Sven Lehmann und der neuen Regierung ausdrücklich. In diesem Rahmen soll ein nationaler Aktionsplan für die Akzeptanz und den Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt entwickelt und Deutschland zum Vorreiter beim Kampf gegen Diskriminierung werden. 

Wir werden dieses Vorhaben aufmerksam begleiten und sind auf die Ergebnisse gespannt. 
Denn allzu oft wurden Wahlversprechen nicht eingehalten! Die CSD’s jedoch, werden der Regierung genau auf die Finger schauen und die Umsetzung anmahnen. 

Doch auch eine andere Zeitenwende hat uns ereilt.

Wir hofften diesen Sommer wieder einigermaßen unbeschwert die Straßen im Kampf für unsere Rechte zu erobern, mit dem Ziel mehr Sichtbarkeit zu erreichen und eine Plattform für alle Mitglieder unserer breiten Community anbieten zu können. 

Der CSD ist eine Demonstration für die rechtliche Gleichstellung aller Menschen, für Akzeptanz und für ein friedvolles und von gegenseitigem Respekt geprägtes Leben aller miteinander.
Nun müssen wir dieses Jahr in unserer unmittelbaren Nachbarschaft erleben, wie grundlegende Menschenrechte in verbrecherischer Art und Weise mit den Füßen getreten werden.

Ein freiheitsliebender Staat wird aus Angst vor zu viel Demokratie, vor zu viel „Verwestlichung“ angegriffen, seine Bewohner*innen beschossen und aus dem eigenen Land vertrieben. Aus Angst vor gelebter Demokratie, aus Angst vor Verlust des Einflussbereichs und aus kleingeistigem Machtstreben heraus. Und wohl auch aus der Angst – vor der eigenen Schwäche.

Auch unsere Community wird vom Aggressor als ein Mitgrund für den Überfall auf die Ukraine genannt. Mal sind wir „dekadent“, dann wieder „verweichlicht“, dann wieder „unnatürlich“.

Wir wissen welchen Bedrohungen, Schikanen und oft genug auch tödlicher Verfolgung LGBTIQ+ in Russland und seinen Vasallenstaaten, wie Belarus, oder Tschetschenien ausgesetzt sind. 

Die Ukraine war für viele ein sicherer Hafen, um dem zu entfliehen.

All die Rechte, die überwiegende Akzeptanz in der Gesellschaft, die wir hier in Deutschland über viele Jahre erreicht haben, die für einige junge Menschen so selbstverständlich scheinen, wurden über Jahrzehnte erkämpft und erstritten. 

Ganz Osteuropa steht am Abgrund jeglicher Möglichkeiten in diese Richtung zu kommen. Die Menschen müssen sich wieder verstecken, ihr wahres Ich verleugnen. Und allein sich über Nicht-Hetero-Normative Lebensweisen zu informieren ist nahezu strafbar. Und auch bei uns in Deutschland wird seit Jahren von rechts-außen permanent in die gleiche reaktionäre Richtung agitiert.

Wir stehen hier in Solidarität mit allen Menschen die verfolgt werden! Wir stehen hier in Solidarität mit Lesben, Schwulen, trans* und inter* Menschen, von bi+- und a_sexuellen Menschen.

Wir stehen hier in Solidarität mit allen Minderheiten, die nicht frei und sicher leben können, gleich welcher Religion und welcher Hautfarbe. 

Wir stehen hier für die Einhaltung der Menschenrechte.

Wir stehen hier und demonstrieren für alle, die das nicht tun können oder dürfen!

Euer CSD Deutschland Vorstand

Grußwort CSD Deutschland e.V. 2022 gesprochen von Kai Bölle.

©-Hinweis: Das Grußwort kann und soll unter Nennung des CSD Deutschland e.V. unverändert genutzt und selbstverständlich zitiert werden. Inhaltliche Änderungen bedürfen vorheriger Rücksprache.